Die Rotfichte



Erschienen in Bonsai Nr. 110

Die Rotfichte ( Picea abies)



Vorwort

Rotfichten gelten in der Bonsaiszene als nicht sehr leicht kultivierbar und werden aus diesem Grund von vielen Bonsaifreunden gemieden.
Dieser Beitrag soll Vorurteile vermindern und dazu beitragen, dass dieser imposante Baum künftig häufiger auf den Regalen der Bonsailiebhaber zu sehen ist.

Im Folgenden werden nicht nur die wissenschaftlichen Erkenntnisse, sondern auch meine persönlichen Erfahrungen mit der Fichte dargestellt.

Taxomonie

Botanische Pflanzenfamilie: Pinaceae
Botanische Unterfamilie : Abietoideae
Deutscher Name :Rotfichte, Rottanne, Gewöhnliche Fichte, Europäische Fichte

Mundartliche Bezeichnungen:
Fiutha, Fietha, Viethe.

Namensgebung:
Der wissenschaftliche Name der Fichte picea leitet sich von ihrem Harz ab (lat. „ pix“= Pech). 
Der alte wissenschaftliche Name „Picea exelsa leitet sich von“ lat. „hoch“, „erhaben“ ab.

Mythologie und Brauchtum:

Schon die alten Römer verbanden die Fichte mit Totenkult und Trauer. Fichtenzweige wurden als Trauerzeichen an die Tür angebracht und grün auf den Scheiterhaufen gelegt. 
In den jüngeren Mythologien wurden Fichten selten als Einzelbäume dargestellt, sondern häufig als düsterer, dichter Fichtenwald in dem die Hexe aus „ Hänsel und Gretel“ wohnt oder auch die Riesen aus dem „ Tapferen Schneiderlein“.

Diebe die nachts ihrem Handwerk nachgingen, waren Fichtengänger und ihre Geschädigten nannte man „ Fichtner“. Die Hopi Indianer im Südwesten der USA bezeichneten die Fichte als den „magischsten aller Bäume“. Das größte Brauchtum wird in der christlichen Welt um den “Tannenbaum“ gemacht.
Dieser ist allerdings in heutiger Zeit selten eine Fichte, sondern eher wieder eine Tanne.
Bei der Entstehung des Namens wurden jedoch meistens Fichten benutzt. In früheren Zeiten wurde der begriff „Tanne“ für alle bedeutenden Nadelbäume benutzt.
Das die Fichte als Weihnachtsbaum von der Tanne verdrängt worden ist, hängt mit ihrer längeren Standzeit der Nadeln nach dem Schlagen dieses Baumes zusammen.
Ob die mythischen Wurzeln des Tannenbaums nun im indogermanischen, christlichen oder anderswo liegen bleibt ungeklärt.


Charakteristika, Erkennungsmerkmale

Habitus: 

Grundsätzlich unterscheiden sich zwei unterschiedliche Fichtenformen voneinander.
Die so genannte „Spitzfichte“ die schmalkronig, von Schneelasten weitestgehend befreit, im Gebirge anzutreffen ist, sowie die breitkronige „Kammfichte“ der Tieflagen, mit ihren kammförmig herabhängenden Nebenästen.
Innerhalb von Europa hat die Rotfichte zwei Unterarten entwickelt, die sich durch die Behaarung der Zweige und die Länge der Nadeln unterscheiden. Die Zweige der unteren Äste hängen herunter, die oberen streben aufwärts. Freistehende Fichten sind meist bis zum Boden beastet, während bei eng stehenden Bäumen im Wald (Plantagenanbau) diese in den unteren 2/3 des Baumes fehlen.
Die Rinde der Fichte ist borkig und rotbraun gefärbt. Dies erklärt auch die Namensgebung „ Rotfichte“. Im Gebirge und an anderen Extremstandorten neigt sie allerdings zum Vergrauen oder sogar zum schwarz werden. Die Fichte ist mit durchschnittlich 30-40.m eine der größten Baumarten in Europa. Der höchste Veteran steht in Bosnien und hat eine Höhe von 63.m erreicht. 

Nadeln:
Die Nadeln der Fichte sind meist ringsum, glänzend dunkelgrün. Insbesondere an der Waldgrenze kann sich die Färbung auch heller, matt blaugrün zeigen. Die Nadellänge beträgt im Mittel ca. 15.mm.
Allerdings ist diese sehr stark abhängig von den Klima- und Standortbedingungen.
Die Lebensdauer der Nadeln ( 5-12 Jahre) variiert ebenfalls sehr stark. So nimmt diese mit steigender Seehöhe und mit zunehmender geographischer Breite zu.



Abb.1 Hochgebirgslandschaft

Vermehrung, Blüten und Zapfen:

Fichten zu vermehren ist nicht besonders schwierig.
Im Herbst gesammelte Samen werden nach kühler trockener Lagerung im Frühjahr ausgesät.
Stecklinge lassen sich unter Folie im Frühjahr leicht bewurzeln. Weiterhin besteht auch die Möglichkeit des Absenkens. Die Fichte blüht im April bis Juni abhängig vom klimatischen Standort.
Ihre Blühreife tritt im Freistand mit 20-40 Jahren ein, im Bestand etwa zwei bis drei Jahrzehnte später. Die kätzchenartigen männlichen Blüten sind etwa 1,5 bis 3cm lang. Während der Hauptblütezeit werden so gewaltige Pollenmengen ausgeschüttet, die ganze Landstriche verkleben können. Oftmals werden andere Bäume so stark damit verklebt , dass diese von Bienen nicht mehr bestäubt werden können. 
Fichtenzapfen sind braun und je nach Höhenlage 3-20 cm lang sowie 3-4cm breit. Ihr phallusförmiges Aussehen besitzt eine eigene Symbolik.
Die Zapfen bieten das beste Unterscheidungsmerkmal zwischen einer Fichte und Tanne.
Während bei der Fichte die Zapfen an den Ästen herunter hängen und im ganzen abfallen, stehen bei der Tanne die Zapfen aufrecht an den Ästen und es fallen nur die einzelnen Zapfenschuppen ab während die Zapfenspindel am Baum verbleibt. Der Samengehalt der Zapfen beträgt zwischen 200- 800 Stück. Samenjahre treten in Abhängigkeit vom Standort alle 3-8 Jahre auf.

Zuchtvarietäten:

Die große Gestaltungsvielfalt der Fichte in der Natur führt zu einer unüberschaubaren Zahl von Varietäten oder Spielarten. Bei den meisten handelt es sich jedoch um Standortmodifikationen, Ökotypen oder Mutanten. Zahlreiche hiervon wurden in Kultur genommen. Eine Gliederung der Cultivare durch Gruppierung in morphologische Typen erscheint so sinnvoll.

Die wichtigsten wären:
a.) pendula- Typen
b.) pyramidalis-Typen
c.) nana-Typen
d.) virgata- Typen

Standortbedingungen:

Die Fichte stellt keine allzu großen Ansprüche an die vorhandene Bodenqualität Sie fühlt sich in feuchten Auen und Mooren genauso wohl wie auf mageren Böden. Selbst stark verdichtete Lehmböden werden toleriert. Ursprünglich als Kind der Berge geboren, ist die Fichte mittlerweile auch heimisch in den europäischen Mittelgebirgen sowie in den Niederungen. Zuschaffen macht ihr eigentlich nur ein zu trockener Boden mit einer zu heißen Klimalage. Fichten sind zudem sehr winterhart. Der Grund hierfür ist die Tatsache, dass sie bei extremer Kälte ihre Photosynthese und Atmung fast völlig einstellen.
Schon bei den ersten Nachtfrösten sind sie gegen Temperaturen von –20 Grad Celsius gefeilt. Im tiefen Winter sichert diese Tatsache auch den Frostschutz bei bis zu –60 Grad Celsius.
Im selben Maß wie die Frostresistenz im Winter mit länger werdenden Nächten zunimmt, wird sie im Frühjahr mit steigender Tageslänge reduziert. Dies führt zu einer erheblichen Spätfrostanfälligkeit, die in besonderem Maße bei der Bonsaipflege eine gewichtige Rolle spielt. Selbst in Nordsibirien auf Dauerfrostböden bildet sie noch Bestände. Als Krüppelfichte findet man sie in den Alpen bis auf 2500m.ü.NN.

Verbreitungsgebiet

Das natürliche Verbreitungsgebiet von Picea abies erstreckt sich in drei Teilgebieten:
1.) alpisch-balkanischen Fichtengebiet
2.) karpatischen Fichtengebiet
3.) skandinavisch-sarmatisches Fichtengebiet

Kultiviert wird Picea abies heute in allen Ländern Mittel-Nord- und Osteuropas,
selbst in der USA werden jährlich 10. Mio. Pflanzen ausgepflanzt.

Abb. 2 Fichten, Fichten, Fichten……


Ökologie und Naturschutz

„ Willst du deinen Wald vernichten so pflanze nichts als Fichten“

Seit etwa 200 Jahren wird Mitteleuropa regelrecht von einer Fichteninvasion heimgesucht.
Grund dafür ist die Wechselbeziehung zwischen dem herrschenden Holzmangel in den letzten Jahrhunderten und der hohen Holzproduktivität von Fichten. Eine Fichte liefert etwa doppelt soviel Holzmasse wie eine Buche. So wurde die Fichte Liebling der Förster und Bauern.
Die ursprüngliche Laubwaldaufforstung wird erst seit einigen Jahren wieder betrieben, seit dem man sich der mannigfaltigen Umweltschäden einer Fichtenmonokultur bewusst geworden ist.
Die Schäden die sich in den letzten Jahrhunderten ergeben haben sind allerdings nicht so schnell zu beheben, weil mittlerweile der Fichtenanteil im deutschen Wald auf 33% angewachsen ist. Wiederum 18% dieses Bestandes haben erhebliche Waldschäden.
Die wesentlichen Nachteile der Fichtenmonokultur sind: 
Übersäuerung des Bodens durch Nadelstreu, Erhöhung des Schädlingsbefalls, Windwurfgefahr und der durch Kaltluftstau hervorgerufene Nebel.


Nutzung und Heilkunde

Der Bedarf von Fichtenholz wird heutzutage fast nur noch aus bewirtschafteten Wäldern, bzw. Reinbeständen gedeckt. Nur in Nordosteuropa erfolgt die Nutzung noch aus Naturwäldern. 
Fichtenholz ist ein gut zu verarbeitendes Nutzholz mit großer Vielseitigkeit. Es findet heutzutage Anwendung in der Papier- und Zelluloseindustrie, als Bau- und Konstruktionsholz, als Grubenholz sowie als Stangenholz für u.a. Masten, Pfosten oder Leitern. 
Wie schon in den vergangenen Jahrhunderten wird es auch zum Musikinstrumentsbau benutzt. Das feste langsam gewachsene Holz der Bergfichten eignet sich hervorragend als Klangholz für den Geigenbauer. Für den Resonanzboden benutzt man hingegen das Holz der gleichmäßig gewachsenen „Haselfichte“. Nicht umsonst haben sich die meistem klassischen Geigenbauwerkstätten im Alpenraum angesiedelt.
Als „Resina alba“ wird Fichtenharz heute bei der Terpentindestillation gewonnen und meist in wasserfreier Form als Kolophonium den Handel gebracht. In früheren Jahren, bevor man Vanillin synthetisch erzeugen konnte, nutzte man das nach Vanille riechende Harz der Fichte als Vanilleersatzstoff.
Aus den harzhaltigen Stubben (Baumstümpfen) wurde im Kohlemeiler Holzteer destilliert, der wiederum zu Pech weiterverarbeitet wurde. Dieses Holzpech kam als Wagenschmiere oder Schusterpech in den Handel. 
Die Nutzung von Fichtenprodukten für die Heilkunde war früher äußerst vielfältig und ist heute stark zurück gegangen.
Schon Pfarrer Kneipp beschrieb die anregende Wirkung von frischem Fichtenharz.
Ein Bad in Fichtenrindenabsud verspricht auch noch heute Linderung bei Rheuma, Gicht, Hexenschuss und Hautkrankheiten. Ein vortrefflich schweißtreibender Husten-, und Grippetee lässt sich aus übergossenen frischen Nadeln herstellen. Seit langem bekannt und in früheren Jahrhunderten äußerst wichtig, ist die Wirkung der Nadeln gegen die Vitamin-C-Mangelkrankheit Skorbut.

Tierische Schädlinge

Fichten werden in freier Natur und als Bonsai relativ oft von tierischen Schädlingen heimgesucht.
Während der Befall von Schädlingen bei Fichten in der Natur häufig zu einer Schwächung der Bäume führt, ist es bei bonsaikultivierten Fichten recht oft der falsche Standort.

Im folgenden Textteil sind die am häufigsten bei Bonsai vorkommenden Schädlinge aufgezählt:

Sitkafichtenlaus:

In der Natur oft in Massen in Monokulturen vorkommende saugende Laus. Der Befall dieser kleinen grünen Laus zeigt sich durch Verlust der angestochenen Nadeln. Am sichersten erscheint eine vorbeugende Spritzung von Weißöl vor dem Austrieb. Tritt der Befall trotzdem auf, so ist eine Behandlung mit einem Spritzmittel, (z.B. Methasystox, Fa. Bayer) gegen diesen Schädling dringend angeraten.

Nadelholzgespinnstmilbe:

Wie alle Milben mögen auch diese trockene, warme Luft. Bei einem richtigen Standort ( halbschattig, kühl) wird man meist nicht von ihr belästigt. Erkennungsmerkmal dieser Plagegeister ist eine gelblich grüne Sprenkelung der Nadeln. Ist der Befall fortgeschritten färben sich die Nadeln braun.
Die Bekämpfung erfolgt mit einem Spritzmittel aus dem Fachhandel.

Gemeine Fichtengespinstblattwespe und Fichtennestwickler:

Bei beiden Arten wird ein Befall durch Gespinste oder Nester in den Astgabeln oder Nadeln deutlich sichtbar. Meist reicht ein Absammeln der Nester oder Gespinste, um diesen Insekten den Garaus zu machen. 

Weißwollige Fichtenstammlaus:

Dieser Schädling ist leicht zu erkennen an den Wachsausscheidungen unter denen er saugt.
Bei Befall ist eine sofortige Spritzung gegen die Laus von Nöten, da es zum Absterben ganzer Äste kommen kann. Benutzt man nützlingsschonende Spritzmittel, so ist ein Zusatz einiger Tropfen Spülmittel (zur Zerstörung der wasserabweisenden Wachsoberfläche) ratsam.

Fichtengalläuse:

Verursachen unschöne Verdickungen an den Triebspitzen. Ein Absammeln dieser Verdickungen reicht, um den Baum zu schützen. 


Pilze:

Fichtenyamadoris sind des öfteren mit einem Rostpilz befallen, der im Wirtswechsel mit der Alpenrose lebt. Der botanische Ablauf ist genau derselbe, wie bei den Rostpilzen , die den Wacholder befallen ( siehe Bericht „ Der Gemeine Wacholder“ BCD Heft Nr. 104).
Die Teulotosporenlager sind allerdings lange nicht so groß wie bei Wacholdern.
Diese sind bei ihrem Auftreten leicht mechanisch entfernen. Ein Absammeln der schon eingetrockneten Lager ist ebenfalls möglich. Da ein Anschwellen der Äste nicht sichtbar ist, kann aus optischer Sicht weiter mit dem Bonsai gearbeitet werden. 

Die Rotfichte als Bonsai

Pflanzenbeschaffung:

Das Thema Vermehrung wurde im fachübergreifenden Teil schon beschrieben. Es bleibt jedem selbst überlassen, ob er diesen zeitintensiven Vorgang bis zur Bonsairohpflanze mitmacht.
Aus den vielen, oftmals recht schnellwüchsigen Fichtenvarietäten lassen sich häufig recht ansehnliche Bonsai gestalten. Wichtig ist hierbei jedoch, dass die besonders kompakt wachsenden Cultivare sehr empfindlich gegenüber starkem Rückschnitt sind. Die am Baum verbliebenen Äste sind nach dem Rückschnitt infolge stärkerer Sonneneinstrahlung sehr stark „Sonnenbrand“ gefährdet.
Trotzdem sind die Pflanzen aus den Baumschule für die Bonsaigestaltung recht gut brauchbar. 
Bäume mit ausgeprägten Altersmerkmalen sind allerdings in Baumschulen selten zu bekommen, sodass man hier auf Yamadoripflanzen zurückgreifen muss. 

Schöne Yamadoripflanzen sind nicht leicht zu beschaffen. Die meisten in der Natur klein gebliebenen Pflanzen haben ein sehr weit herausgewachsenen Grünbereich , sodass man viele Jahre Rückschnitt in Kauf nehmen muss, um einen gestaltungsfähigen Rohling zu erhalten. Auch hinsichtlich der Stammbewegung geben die meisten Yamadori keine besonders interessanten Rohpflanzen ab. Ihr starker Drang zum Wuchs in der streng aufrechten Form lässt es oftmals nicht zu, überzeugende Gestaltungen zu erarbeiten. Stark bewegte Stämme sind, wenn man sie findet, nur durch Lawinenabgänge zu erklären. Kompakten Wuchs findet man auf Viehweiden. 

Ich selbst bin in der glücklichen Lage, eine Grabegenehmigung in einem extremen Lawinengebiet zu besitzen. Glücklicherweise werden diese sehr steilen Hänge auch noch regelmäßig von Almkühen beweidet, die dann ein Weiteres zur Kompaktheit des Grünbereichs beitragen. Durch diese Umwelteinflüsse ist es möglich, dass nachweißlich 350 Jahre alte Fichten nicht größer als 1.m sind. 
Fichten zu bergen ist nicht sehr kompliziert. Meist verfügen sie über ein recht flaches, kompaktes Wurzelsystem. An Extremstandorten /Geröllhängen ist die Bergung allerdings wesentlich komplizierter, da das Wurzelwerk sehr weit auseinander gewachsen ist. Am leichtesten erscheint die Bergung in den feuchten Hochmooren, wo die meisten feinen Haarwurzeln, dank der hohen Bodenfeuchte, am Stamm sitzen.

Abb.3 Kapitaler Yamadori

Pflanzenvorbereitung:

Auch bei dieser Baumart habe ich diesem wichtigen Thema ein eigenes Kapitel gewidmet.
Wie schon in den vorangegangen Kapiteln beschrieben, mögen Fichten bei starken Rückschnitt keine Sonne. Das gleiche gilt auch für im Frühjahr entnommene Fichten. Diese leiden besonders unter der hohen und langen Sonneneinstrahlung im Frühjahr. Der Grund hierfür ist, dass die Bäume unmittelbar nach der Schneeschmelze entnommen worden sind, sodass sich der Grünbereich noch nicht an das Sonnenlicht gewöhnt hat.
Generell sollte man Fichten im Frühjahr keiner direkten Sonneneinstrahlung aussetzen, da der Austrieb nicht nur Spätfrost sondern auch Sonnenbrand gefährdet ist. 
Will man eine Fichte gestalten, ohne dass sie in Lebensgefahr kommt, so sollte man das Wegschneiden der nicht benötigten Äste immer über mehrere Jahre hinweg planen. Ist das Wurzelsystem kompakt kann ein vorheriges Umtopfen der Pflanze entfallen. Es ist selbstverständlich, dass nach der Umtopfaktion der Baum erst einmal ein Jahr Ruhepause benötigt. Ich persönlich topfe jeden Baum, bevor ich mit der Gestaltung beginne, um. Denn schon ein altes Sprichwort sagt „ Kauf nicht die Katze im Sack“. Durch diese Maßnahme erhält man eine Kontrolle über die Vitalität des Baumes und kann schon die Pflanze durch den Austausch des Pflanzsubstrats an den zukünftigen Standort anpassen. Regelmäßige Krankheitsprophylaxe sowie ein halbschattiger Standort, ein maßvolles Gießen und häufiges Übersprühen sollten dann die Rohpflanze in 3-4 Jahren soweit gesunden lassen, dass eine Gestaltung möglich ist. Müssen zur Gestaltung viele Äste weggeschnitten werden, kann dies noch einmal 1-2 Jahre dauern.
Bei Baumschulrohpflanzen oder Pflanzen aus Bonsaianzuchtbetrieben fällt diese Phase des Anwachsens, Umtopfens und des Rückschnitts erfahrungsgemäß kürzer aus.
Das Pflanzsubstrat in dieser Phase der Vorbereitung sollte gute Drainagefähigkeit besitzen und auch ein gewisses Maß an Feuchtigkeitsspeicher. Ich kultiviere frisch entnommene Fichten in einem extrem durchlässigen Substrat (Fertigmischung aus dem Gewerbebereich für Innenbepflanzung aus je einem Drittel Bims, Zeolith und Lava).

Gestaltung:

Fichten lassen sich, soweit es die Rohpflanze hergibt, in alle bekannten Bonsaiformen gestalten, mit Ausnahme der Besenform. Als Vorbild können sicher Bilder der in Japan häufig als Bonsai kultivierten Ajjanfichte (Picea glehnii) benutzt werden. Am häufigsten findet sich allerdings die von Natur aus meist vorgegebene streng aufrechte Form als Bonsai wieder. Recht schöne Waldgestaltungen lassen sich mit einfachen Fichten aus der Natur zusammenstellen.
Sind die im vorherigen Abschnitt aufgezählten Vorbereitungen eingehalten worden, lassen sich Fichten relativ leicht zu Bonsais gestalten. Auch mehrjährige Äste sind leicht zu biegen. Das feine Drahten der Astspitzen ist allerdings eine ziemliche Filigranarbeit, wenn man nicht die vorhandenen Nadeln zerstören will. Gedrahtete Äste brauchen sehr lange, um in der gewünschten Stellung zu verbleiben, sodass dieser Vorgang mehrmals wiederholt werden muss. Insgesamt betrachtet bereitet das Pflegen und der Aufbau eines Fichtenbonsai relativ viel Zeit. Besonders die Gestaltung von alten Jamadoripflanzen lässt so manchen verzweifeln, weil dicke gedrahtete Äste selbst nach mehrmaligem Drahten nicht in der gewünschten Stellung verbleiben. Oftmals dauert es 10 Jahre bis die gewünschte Endstellung erreicht ist.
Das Umtopfen von Fichten kann im Frühjahr beim Schwellen der Knospen geschehen, sowie ab Mitte August bis September, während der Phase des meisten Wurzelwachstums.
An das Pflanzsubstrat werden bei einem Bonsai der schon in einer Schale steht keine allzu großen Ansprüche gestellt. Alle gängigen Substratmischungen sind möglich, solange sichergestellt ist, dass es nicht zu einer zu schnellen Austrocknung kommt. Dies ist zu berücksichtigen, da Fichten ein erhöhtes Wasserbedürfnis aufweisen. Während der gesamten Wachstumsphase ist eine Düngung mit mineralischem und/oder org. Dünger möglich.
Auf eine starke Herbstdüngung im Oktober folgt meist ein sehr kräftiger Austrieb im Frühjahr. Bei starker Düngung vergrößert sich allerdings die Nadelgröße sehr stark, dies sollte aber vernachlässigt werden, solange der Bonsai nicht schon eine gewisse „Reife“ erreicht hat. 

Abb. 4 Einfaches Yamadorimaterial 

 

Abb. 5 Fertig als Wald gestaltet


Rückschnitt

Die Fichte reagiert sehr willig auf Rückschnitt. Pinziert man die gerade aufgegangenen Knospen im Frühjahr, bildet der Baum meist eine große Anzahl von neuen Knospen entlang des benadelten Teils des Baumes. Diese treiben meist noch im gleichen Jahr aus. Weiterhin besteht die Möglichkeit, den Neuaustrieb erst nach seiner Verholzung im Sommer zurückzuschneiden. Knospen im unbenadelten Teil der Äste zu erhalten ist sehr schwierig und klappt nur bei starker Düngung und guter Pflege. Zu lang gewordene Äste schneidet man im Winter zurück.

Fazit

Die Fichte als Bonsai zu pflegen ist nicht gerade einfach, hält man sich aber konsequent an die hier beschriebenen Hinweise, bereitet sie einem viel Freude.
Sicher ist vieles was ich hier dargestellt habe „Nicht der Weisheit letzter Schluss“ und manch anderer „Bonsaianer“ hat andere Ansichten und Erfahrungen. Es ist jedoch eine Hilfestellung für all diejenigen, die Probleme mit der Fichte als Bonsai haben oder mit dem Gedanken spielen, sich eine Fichte zuzulegen. Denn irgendwie gehört eine Fichte doch zu jeder einheimischen Bonsaisammlung. Letztendlich gilt „ Ein Bonsaianer lernt nie aus“ Für Hinweise und Erfahrungen sowie weiteren Ergänzungen zum Thema Fichte wäre ich sehr dankbar.

Christian Przybylski 


www.bonsaikultur.de
Literaturnachweis:
„Bonsai aus heimischen Bäumen und Sträuchern“ von Werner. M Busch herausgegeben im BLV Verlag
„Mythos Baum“ von Doris Laudert herausgegeben im BLV Verlag 
„Enzyklopädie der Holzgewächse“ von Prof. Dr. P.A. Schmidt

Bildnachweis: 

Bild 1,2,3 und 4 Autor
Bild 5 Eginhard Rösner 


Christian Przybylski
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