Der Schwan

Dieser Name entstammt nicht meiner Fantasie sondern ist eine Erfindung eines bekannten deutschen Bonsaigestalters.
Ich finde der Name ist keine schlechte Wahl.
Besonders ehrt mich das eine andere Person sie getroffen hat. Ich selbst wäre nicht so vermessen diesem Baum einen Namen zu geben, denn meist werden nur außergewöhnliche Bäume mit einem Namen versehen.
Die Geschichte dieses Baumes ist nicht so ganz spektakulär.
Erworben habe ich die Pflanze im November 2002 in Holland. Sie stand zu diesem Zeitpunkt schon 3 Jahre in dem Pflanzgefäss, sodass sie in einem guten gesundheitlichen Zustand war.
Ausgegraben wurde sie in Italien.
Der Kauf hingegen war doch recht spannend.
Eigentlich ist solch eine Yamadoripflanze für einen "Normalverdiener" nicht zu bezahlen, aber an diesem Tag hatte ich Glück der mir ganz gut bekannte Händler bot mir nachdem ich bei der normalen Verkaufspflanzen nichts gefunden hatte, einen Blick in seine Privatsammlung an. Für einen noch recht akzeptablen Preis suchte ich mir diese "Traumstück" heraus.
Das Potenzial der Pflanze war unglaublich groß, hervorragendes Totholz, eine dichte Verzweigung in Stammnähe gaben den Ausschlag für diesen Kauf.

Abb.1 Wacholder im Rohzustand 



Ich ließ der Pflanze und mir noch ein wenig Zeit bevor ich mit der Gestaltung begann.
Normalerweise beginnt in dieser Wartephase in der man gut pflegt und sich mit dem "Baum bekannt" macht auch die Gestaltung im Kopf. Auf diese wollte ich aber diesmal bewusst verzichten. Am Tag X sollte der Baum gestaltet werden im Kopf und auch in der Schale.
Es ist recht ungewöhnlich so mit einem Baum anzufangen aber ich wollte für diesen Tag besonders gute Bedingungen abwarten um die meiste Intuition und Kreativität in den Baum einfließen lassen zu können.

Als Tag X hatte ich Vatertag 2003 ausgesucht. "Ein wahrlich guter Tag" man hat frei, meist ist gutes Wetter und die Familie lässt einem Zeit für eigene Dinge. So geschah es dann auch.
Am frühen Morgen aufgestanden, gut gefrühstückt und dann ran an die Arbeit.
Den ganzen Tag entrindet, geschnitzt, geschnitten und gedrahtet. Erst als es dunkel wurde beendete ich diesen, so meine ich erfolgreichen Tag. Die Zeit war wie im Flug vergangen.
Geblieben war ein unbeschreibliches Hochgefühl ein schöner Baum und ein fieser Sonnenbrand.
Zu dem etwas ungewöhnlichen Gestaltungszeitpunkt ist zu bemerken dass meiner Erfahrung nach, Wacholder in der Zeit des größten Saftflusses am besten eine Grundgestaltung vertragen.
Gründe hierfür sind die bessere Biegsamkeit der Äste und die Möglichkeit noch vor dem Winter etwas wachsen zu können.
Formal technisch waren allerdings diesmal keine großen Eingriffe nötig.
Der Baum wurde aufgerichtet, das Totholz bearbeitet, ein wenig Grünmasse entfernt und alle Äste wurden grob gedrahtet und gestellt.

Abb.2 Wacholder nach Grundgestaltung (06/2003) 



Der Wacholder zeigte nach der Grundgestaltung keine Schwächung und wuchs bei guter Düngung ungehindert weiter. Das einzige größere Problem welches sich noch stellte war die Frage nach dem unausgeglichenen Wurzelansatz den die Pflanze in Ihrer jetzigen Stellung hatte. Ich konnte nur hoffen dass unter der Erdoberfläche noch ein brauchbarer Nebari saß.
Nach einem sehr milden Winter begann die Pflanze früh mit dem Austrieb sodass ich mich entschloss Ende März 2004 die Pflanze umzutopfen.

Hierfür hatte ich eine schlichte chinesische Schale ausgesucht, die in Form und Farbe dem Baum entsprach.
Das Umtopfen brachte einige positive Erkenntnisse, z.B. Einen außerordentlich ( für Wacholder) guten Wurzelansatz und jede Menge gesunder Wurzeln.
Eigentlich sollten diese Maßnahme in Verbindung mit einem groben Rückschnitt der Äste die einzigen gewesen sein.
Jedoch wurde ich von den Veranstaltern der " Art of Bonsai 2004" gebeten den Baum für die Sonderausstellung, in Verbindung mit den Werken von Udo Claassen, auszustellen.

Lange Zeit zu überlegen hatte ich nicht. So entschloss ich mich, nach einigen bedenken über die fehlende Reife des Baumes, zuzusagen. Schließlich bekommt man selten die Gelegenheit einen Baum in solch einer perfekten Atmosphäre zu zeigen.
Jetzt hieß es also den Baum perfekt herzurichten.
Feinste Drahtung (Drahtstärke 0,3mm Kupferdraht), Feinarbeit an Jin und Shari sowie die genaue Ausstellung der Äste waren zu erledigen. Insgesamt verbrachte ich ca. 20 Stunden mit diesen Arbeiten.

Abb.3 "Art of Bonsai 2004" 



Die Ausstellung "Art of Bonsai 2004" wurde ein voller Erfolg, an dem die Sonderausstellung einen großen Anteil hatte. Bilder und Bonsai in Kompositionen auszustellen konnte sich hier als Alternative, zu der traditionellen Tokonomaausstellung Japans darstellen.
Der Baum entwickelte sich im laufenden Jahr weiterhin prächtig sodass er im August noch einmal pinziert werden konnte. Im Spätherbst 2004 präsentierte sich der Baum dermaßen vital und gut wachsend das mir nichts anderes übrig blieb als die Äste noch einmal zurück zuschneiden.

Abb.4 Wacholder im Herbst 2004 



Mittlerweile hat der Baum die Vorausscheidung zum „Ginko Award“ durchlaufen und ist somit zugelassen.
Der Baum wurde für die BCD Zeitung Nr. 106 als Titelbild ausgewählt.
Fotos: Eginhard Rösner

Wacholder